Medikationspläne
Medikationspläne anpassen – Deprescribing als ärztliche Kernaufgabe
Wer kennt es nicht? Ein Patient stellt sich mit einem dicken Stapel an Verordnungen vor, jede Krankheit hat ihre eigene Tablette bekommen – und am Ende bleibt ein unüberschaubarer Medikationsplan. Doch was ist wirklich noch notwendig, was vielleicht überflüssig oder gar schädlich?
Natürlich geht mit einer steigenden Zahl an Erkrankungen auch eine zunehmende medikamentöse Behandlung einher. Diese Therapien haben zweifellos dazu beigetragen, dass wir heute ein so hohes Lebensalter erreichen. Aber: Um welchen Preis? Wie oft finden sich in solchen Plänen Medikamente, deren Indikation längst nicht mehr besteht, deren Dosierung nicht mehr passt oder die in riskante Wechselwirkungen geraten?
Polypharmazie – definiert als Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten – ist längst kein Randphänomen mehr. In Deutschland sind bis zu 47 % der Krankenhauspatient*innen und über 60 % der über 65-Jährigen betroffen. Studien zeigen, dass bis zu 28 % der akuten Krankenhauseinweisungen älterer Menschen direkt auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen sind. Und noch alarmierender: Über die Hälfte der Betroffenen erhält potenziell inadäquate Medikamente.
Die gute Nachricht: Deprescribing wirkt. Interventionsstudien belegen, dass eine strukturierte Überprüfung und Anpassung der Medikation nicht nur die Arzneimittelzahl reduziert, sondern auch Nebenwirkungen, Notaufnahmen und sogar Behandlungskosten senken kann.
Doch was bedeutet das konkret für meine Patient*innen?
Zunächst erfolgt eine detaillierte Anamnese (GOÄ Ziffer 1 bzw. 3 bei ausführlichem Gespräch).
Anschließend eine sorgfältige Analyse des Medikationsplans, einschließlich Abgleich mit Leitlinien und PRISCUS-/STOPP-Kriterien (GOÄ Ziffer 75 „Erhebung und Bewertung von Medikamentenanamnese“).
Bei Bedarf folgt eine therapeutische Neuordnung mit schriftlicher Dokumentation und Aufklärung (GOÄ Ziffer 34 „Erörterung bei chronisch Kranken“).
Auf Wunsch wird der neue Medikationsplan für Hausarzt, Fachärzte oder Angehörige verständlich aufbereitet.
Für Patient*innen ergibt sich daraus ein klarer Mehrwert: weniger Tabletten, weniger Nebenwirkungen, mehr Sicherheit – und vor allem ein Stück verlorene Lebensqualität zurück.
Ist es nicht höchste Zeit, Medikationspläne nicht nur zu verlängern, sondern auch mutig zu verkürzen?